#KulturaufAbstand
Über Biberacher Kulturarbeit in Corona-Zeiten

Kulturdezernent Dr. Jörg Riedlbauer schreibt, weshalb wir gerade in diesen Zeiten Kultur brauchen.

Bekanntlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein. Und Kultur ist ein Lebensmittel seit prähistorischen Zeiten! Denken Sie an die Höhlenmalereien. Oder die Jahrtausende alten Funde von Knochenflöten gar nicht so weit weg von Biberach. Was bedeutet das? Ganz einfach: Dass sinnliche Berührbarkeit durch künstlerisches Handeln oder Gestalten ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist. Seit einer Zeit, in der – vermeintlich – doch erst einmal die Grundbedürfnisse für das bloße Überleben erfüllt werden mussten. Aber schon unsere Ur-Vorfahren waren sich bewusst, dass  ihre Gesellschaft nicht nur der Jäger und Sammler bedarf, welche die Nahrung herbeischafften, sondern auch jener, die - während die Stammesgenossen unterwegs waren  - malten oder Musikinstrumente herstellten und von den Anderen mit Speis und Trank versorgt wurden, weil eben allen bewusst war: Auch Kultur ist für den Ur-Kult menschlichen Zusammenlebens eine unabdingbare Voraussetzung.  Dies schlägt den Bogen von der Frühgeschichte des Menschen bis zum Jahr 1974, als der Biberacher Gemeinderat drei wesentliche Grundsätze verabschiedet hat: Er hat nämlich die Kulturförderung als Wirtschaftsförderung definiert, das Kulturangebot zum wesentlichen Bestandteil der Stadtentwicklung erklärt und die Gleichrangigkeit zwischen Kultur- und anderen städtischen Entwicklungsaufgaben betont - 3½  Jahre vor den entsprechenden, bis heute aufrecht erhaltenen Positionen des  Deutschen Städtetags, die sich genauso in der Kulturarbeit der Länder niederschlagen. Davon zeugt auch die Plakataktion der Kulturverwaltungen im Städtetag von Baden-Württemberg „WIR BRAUCHEN KULTUR - KULTUR BRAUCHT UNS“. Gerade in Zeiten der Krise muss man sich dies immer wieder vergegenwärtigen. Vor allem, wenn einige schon wieder argwöhnen, ob man sich Kultur überhaupt noch leisten könne. Dabei ist gerade in einer Zeit der Krise die Kultur für die Sinnbildung des Menschen nicht Möglichkeit, sondern Erfordernis, nicht das sprichwörtliche „Sahnehäubchen auf dem Kuchen“, sondern die Hefe im Teig. Schon Horaz lehrte uns die Gleichwertigkeit des Ethischen mit dem Ästhetischen. Dies ist heute, in einer krisenhaften Zeit, aktueller denn je, um dem Menschen den Zugang zur klassischen Trias des Guten, Wahren und Schönen zu erhalten bzw. neu zu eröffnen, ihm seine historischen Wurzeln zu vergegenwärtigen, ihn sinnlich berührbar und bildbar zu erhalten – auch um vorzubeugen, dass die Gesellschaft in solchen Zeiten nicht verroht.  Die Kultureinrichtungen waren und sind daher kein Luxus für gute Zeiten, sondern unverzichtbar für das Sozialgefüge unserer Städte, deren lebendiger Mittelpunkt sie sind. Dazu fallen mir auch Erzählungen meiner Eltern und Großeltern aus den schweren Nachkriegsjahren ein, dass die Menschen in die z. T. noch ruinösen Theater, Museen oder Konzertsäle gegangen sind, sogar noch ihr Holz zum Heizen mitbrachten, weil sie sich inmitten von Hunger, Trümmern und Schuttbergen nach den unvergänglichen Werten der Kultur sehnten! Oder bedenken Sie, wann die großen Rundfunkorchester in Deutschland gegründet worden sind – nicht etwa während des sog. "Wirtschaftswunders", sondern lange vorher, 1949 – also von wegen "Luxus für gute Zeiten"! Und der Ressourcenaufwand hierfür ist im Verhältnis zu anderen Ausgabepositionen der öffentlichen Hand ein überschaubarer: Die durchaus erfreulichen Kultur-Investitionen, die Bund, Länder und Gemeinden insgesamt in Deutschland pro Jahr tätigen, belaufen sich auf gut 10 Milliarden Euro. Dies zeigt: Kultur ist wie eine Kaktee - sie braucht nur ein wenig Wasser und hat manchmal auch ein paar Stacheln, aber sie treibt herrliche Blüten!

 

Dr. Jörg Riedlbauer